Die Legende des fliegenden Pferdes

Die Legende des fliegenden Pferdes

DIE LEGENDE DES FLIEGENDEN PFERDES

Fliegende Pferde gehören nicht unserer Zeit, sondern ausschließlich uralten, mithologischen Zeiten. Und tatsächlich hat niemand in den letzten zwei Jahrtausenden von einem mit Flügeln versehenen Pferd gehört.
Deswegen, wenn ich die Geschichte von Sebastian und seinem fliegenden Pferde erzähle, bin ich mir völlig im klaren, daß es sich um etwas Unglaubliches handelt und daß mir die meisten Leute ins Gesicht lachen werden. Um so besser, weil Hintergrund der Geschichte nicht Norwegen, Schottland oder irgendein anderes von Hexen bevölkertes Land ist, sondern einfach unsre flache Poebene.
Schon gut, bildet euch ein ganz kleines Dorf ein. Dort läuft das Leben seit immer seine gewohnte, unveränderbare Bahn. Jeden Tag verrichten die Bauern ihre üblichen Landarbeiten, trinken ein Glas Wein mehr als nötig, erreichen dann ganz erschöpft ihre Heime und gehen frühzeitig ins Bett, weil die Arbeit am nächsten Tag noch härter wird als am vorangegangenen. Für Phantasien gibt’s dort absolut keinen Raum.
In diesem Dorf wurde meine Mutti geboren. Ein kleiner Fleck mitten in einer endlosen Ebene, Fliegen und Mücken überall, kaum ein paar Dutzend elende Häuser,es gibt keine Möglichkeit ein Stückchen Privacy zu bewahren, dort wissen alle von allen.

Und jemand im Dorf wußte, daß Sebastian drei Pferde hatte. Besser gesagt, kannten die Dörfler nur zwei von den drei vermutlichen Pferden Sebastians.Es waren die zwei Pferde, die er für seine Landarbeiten benutzte. Das dritte Pferd blieb ein Rätsel, denn niemand hatte es bisher gesehen. Keine Ahnung, welcher Rasse es gehörte, man wußte sogar nicht, ob das Tier wirklich existierte.
Tatsächlich gab’s im Bauernhof Sebastians einen geräumigen Stall, wo die beiden bekannten Pferde hockten und der Stall war jemandem zugänglich. Zum zweiten Stall, wo das dritte Pferd vermutlich lebte, hatte man kein Eintrittserlaubnis. Der Raum hatte nur eine kleine Tür, die stetig gesperrt war, und keine Fenster. Und wahrscheinlich hatte Sebastian seine guten Gründe, das Geheimnis über das Pferd zu bewahren.
Sebastian war ein Mann weniger Worte, ganz im Gegenteil, er konnte stundenlang da sitzen, ohne einen einzigen Ton vor sich zu geben. Mit einer Ausnahme : wenn er zu viel getrunken hatte, was, unter uns gesagt, ziemlich oft passierte.
Damals war’s am Anfang der Massenmotorisierung, jemand versuchte in den Grenzen seiner Möglichkeiten sich ein Auto oder wenigstens ein Moped zu beschaffen. Sebastian war streng dagegen, er betonte immer wieder, Pferde seien seit je das einzige Lokomotionsmittel der Menschen gewesen und dabei solle es bleiben. Er hatte also kein Auto und auch kein Moped.
Was die Legende des fliegenden Pferdes in Gang setzte, war eigentlich etwas ganz fade. Da erklärten in der Osteria des Dorfes ein paar Jungen, die ein ganz neues Auto kürzlich gekauft hatten, sie beabsichtigten am folgenden Tag einen Fluß, der etwa 30 Km vom Dorf entfernt war, zu erreichen. Da sprang Sebastian auf einen Tisch und erklärte, er wäre mit seinem fliegenden Pferd den Jungen vorangegangen. Sebastians Erklärung rief bei den anwesenden Leuten großes Erstaunen hervor.
Am nächsten Morgen – es war ein Sonntag – fuhren die Jungen mit dem Auto und Sebastian mit seinem Pferd vom Hauptplatz des Dorfes los. Und als die Jungen mit dem Auto den Fluß erreichten, war Sebastian mit seinem Pferd schon da, er hatte auf sie eine gute Viertelstunde gewartet. Natürlich untersuchten die verblüfften Jungen Sebastians Pferd gründlich, konnten aber an ihm nichts Besonderes bemerken. Es stand jedenfalls fest, daß beim Tier keine Flügeln vorhanden waren.

Nachfolgend blieb Sebastians Pferd lange der Sicht der Dörfler fremd. Es war wahrscheinlich in seinen geheimen, unzugänglichen Stall zurückgekehrt, keiner wußte was von ihm. Bis auf zwei Jahren.
Da hatten zum Spaß zwei Kinder eine 20 Mt hohe Zypresse erklettert, konnten aber jetzt nicht mehr runter. Die Feuerwehr hatte den ganzen Tag versucht, die beiden in Rettung zu bringen, doch ohne Erfolg. Als die Nacht einbrach, wurde der Rettungsversuch abgebrochen. Steht fest, daß die beiden Kinder am nächsten Morgen heil und gesund ihre Eltern wiedersehen konnten. Sie sprachen zwar von einem fliegenden Pferd, das sie mitten in der Nacht gerettet hätte, doch niemand glaubte ihnen ein Wort, dazu wurden sie zu einem Psychiater geschickt, der zu keinem Schluß kam.

Doch von einer Tatsache wurden die Dörfler besonders beeindruckt: Sebastian war einen Augenblick an einem gewissen Ort zu sehen und wenige Minuten später an einem verschiedene Kilometer entfernten. Und das war praktisch unmöglich, weil er kein Auto und auch kein Moped besaß, das wußten alle Leute. Die Tatsache kam nur vor, wenn er sich in Gesellschaft des verdächtigen Pferdes befand und sonst nicht. Übrigens hatte bis dann kein Mensch Sebastian gesehen, indem er im Sattel des Pferdes durch den Himmel vorbeiflitzte.
Endlich wurde das Tier auf Antrag der Behörden einer gründlichen, tierärztlichen Untersuchung unterzogen. Im Bericht des Tierarztes war zu lesen, daß es sich um ein mittelgroßes Pferd handelte, welches vier Füße, einen Schwanz und einen Kopf hatte. Nein, von mutmaßlichen Flügeln konnte mit bestem Willen keine Spur gefunden werden. So blieb die Frage ungelöst.

Nach und nach wurde die Sache jenseits der Grenzen des kleinen Dorfes bekannt. Fast jeden Tag kamen Journalisten, Fernsehenoperateure, einfache Leute, die ihre Neugierde befriedigen wollten zum Ort, und stellten Sebastian Fragen und wieder Fragen. Der Besitzer des vermutlich fliegenden Pferdes blieb beim Allgemeinen, antwortete weder ja noch nein, verlangte aber für jede Antwort, wenn sie noch auch sei, eine Geldsumme, die immer größer wurde, je mehr die Neugierigen zunahmen. So wurde schließlich aus Sebastian ein reicher Mann.

Sebastian lebte zwar lange, vermutlich bis 90 Jahren, trotz seines Reichtums kaufte er sich kein Auto und kein Moped. Er blieb bei seinen Pferden, mußte sich ein paar neue Pferde kaufen, weil die alten zu Landarbeiten benutzten inzwischen gestorben waren. Vom fliegenden Pferd war lange nicht mehr die Rede.
Als Sebastian endlich starb, wurde die Tür des Stalles, in dem das fliegende Pferd lebte, niedergerissen. Dennoch war im Stall vom berühmten Pferd keine Spur zu finden.
Kurz nach Sebastians Begräbnis waren jedoch ein paar Dutzend Dörfler bereit bei ihrer Ehre zu beschwören, sie hätten ein fliegendes Pferd am Himmel gesehen. Sebastian hielt sich fest im Sattel und beide flogen wie im Traum gegen die untergehende Sonne.

eingesandt und geschrieben von Giancarlo De Paoli Cocagri

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(letzte Aktualisierung: 24.08.2002)

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